Wofür diese Geräte da sind
Beim Rückbiss liegt der Unterkiefer zu weit hinten. Die oberen Schneidezähne stehen dann weit vor den unteren. Diesen Abstand messen Kieferorthopäden in Millimetern und nennen ihn Stufe. Eine große Stufe ist nicht nur eine Frage des Aussehens. Laut der medizinischen Leitlinie zum richtigen Behandlungszeitpunkt verletzen sich Kinder mit großer Stufe bei einem Sturz leichter die oberen Schneidezähne.
Ob die gesetzliche Kasse zahlt, hängt an der Stufe in Millimetern. Die Kasse teilt den Rückbiss in Grade ein: bis 3 Millimeter Grad D1, über 3 bis 6 Millimeter D2, über 6 bis 9 Millimeter D4 und über 9 Millimeter D5. Einen Grad D3 gibt es nicht. Die Kasse zahlt ab Grad 3, beim Rückbiss also erst ab mehr als 6 Millimetern.
Für den Rückbiss gibt es zwei Arten von Geräten. Herausnehmbare Geräte wie Aktivator, Bionator oder Twin Block trägt Ihr Kind vor allem nachts und einige Stunden am Tag. Feste Geräte wie das Herbst-Scharnier sind mit den Zähnen verbunden und wirken rund um die Uhr. Welche Art die Praxis vorschlägt, hängt vor allem davon ab, wie viel Ihr Kind noch wächst. Die Tabelle zeigt 5 Geräte.
| Gerät | Bauart | Wie es wirkt | Zahlt die Kasse? |
|---|---|---|---|
| Aktivator | herausnehmbar, ein Stück für beide Kiefer | liegt locker im Mund und lenkt den Kiefer beim Zubeißen, es gibt mehrere Varianten | ja |
| Bionator | herausnehmbar, schmaler Kunststoffkörper | nutzt die Kräfte beim Schlucken und Sprechen, laut Würzburg bei Rückbiss, tiefem und offenem Biss | ja |
| Twin Block | herausnehmbar | soll den Unterkiefer nach vorn führen, in Studien so gut wie andere Geräte | ja |
| Herbst-Scharnier | fest, zwei Gelenke zwischen Ober- und Unterkiefer | hält den Unterkiefer 24 Stunden am Tag in der Zielposition | nur bei spätem Beginn nach dem Wachstumsschub, sonst zahlen Sie es |
| MARA, Forsus-Feder, Jasper-Jumper | fest | korrigieren den Rückbiss rund um die Uhr, ohne dass Ihr Kind etwas tun muss | nein, Sie zahlen es selbst |
Aktivator und Bionator nutzen Muskeln und Wachstum
Aktivator und Bionator drücken nicht selbst auf die Zähne. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, beschreibt sie als Geräte aus einem Stück. Sie ähneln zwei zusammengeklebten losen Zahnspangen und liegen locker im Mund. Ihre Form lenkt aber den Kiefer, wenn Ihr Kind den Mund schließt. So trainieren sie Gesichts-, Kau- und Zungenmuskeln, und der veränderte Druck soll die Fehlstellung korrigieren.
Das Universitätsklinikum Würzburg setzt den Bionator vor allem beim Rückbiss ein, beim tiefen und offenen Biss und wenn die Zunge falsch arbeitet. Der Name Aktivator steht dagegen für mehrere Varianten. Würzburg beschreibt seinen Aktivator vor allem für den Vorbiss, bei dem der Unterkiefer zu weit vorn liegt. Fragen Sie deshalb, welche Fehlstellung das Gerät Ihres Kindes korrigieren soll.
Weil diese Geräte Muskeln und Wachstum nutzen, hängt der Erfolg am Zeitpunkt und an der Tragezeit. Eine finnische Studie hat 2020 bei 52 Jugendlichen mit kleinen Messfühlern gemessen, wie lange sie ihr Gerät trugen. Vorgegeben waren 12 oder 18 Stunden am Tag. Im Schnitt lag die Tragezeit 43 Prozent unter der Vorgabe. Selbst wer die Behandlung abschloss, kam im Mittel nur auf 7 bis 9 Stunden.
Der beste Zeitpunkt liegt im Wachstumsschub
Die Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften für Kieferorthopädie und Zahnmedizin gilt bis Dezember 2026. Sie empfiehlt vorsichtig: Einen mittleren Rückbiss kann die Praxis vor oder während des Wachstumsschubs in der Pubertät behandeln. Dann wirkt die Behandlung am stärksten auf den Kieferknochen. Mädchen erreichen diesen Schub mit etwa 12, Jungen mit etwa 14 Jahren. Danach bewegen sich vor allem noch die Zähne, der Knochen trägt weniger bei.
Die Leitlinie stützt das auf mehrere Studien. Bei Behandlung im Wachstumsschub kam in einer Studie gut die Hälfte der Korrektur aus dem Knochen, nicht aus bewegten Zähnen. Wurde vor der Pubertät behandelt, bewegten sich hauptsächlich die Zähne. Jugendliche mit Herbst-Scharnier gewannen im Mittel 2,5 Millimeter mehr Länge am Unterkiefer als junge Erwachsene mit demselben Gerät.
Eine frühere Behandlung schon im Milchgebiss oder frühen Zahnwechsel hat einen belegten Vorteil, aber nur einen. Eine große Auswertung von 27 Studien mit 1.251 Kindern fand 2018: Nach früher Behandlung verletzten sich weniger Kinder neu die Schneidezähne, 19 statt 30 Prozent. Am Ende der ganzen Behandlung unterschieden sich Stufe und Kieferlage aber nicht. Weitere Vorteile sahen die Forscher nicht.
Die Kasse folgt dem. Bevor die Eckzähne und kleinen Backenzähne wechseln, zahlt sie eine frühe Behandlung des Rückbisses nur bei Grad D5, also bei mehr als 9 Millimetern Stufe. Sie soll nicht vor dem 4. Geburtstag beginnen und nach sechs Quartalen fertig sein. Mehr dazu steht im Ratgeber Frühbehandlung beim Kieferorthopäden.
Untersuchung
Die Praxis misst die Stufe und ordnet den Grad zu. Ab Grad D4, also mehr als 6 Millimetern, zahlt die Kasse.
Plan und Genehmigung
Die Praxis schreibt den Plan mit den Geräten, die Kasse genehmigt ihn. Extras vereinbaren Sie getrennt und schriftlich.
Herausnehmbares Gerät
Aktivator, Bionator oder Twin Block lenken das Wachstum. Ihr Kind trägt das Gerät nach Vorgabe, meist nachts und mehrere Stunden am Tag.
Feste Zahnspange
Oft folgt eine feste Zahnspange, die einzelne Zähne genau ausrichtet. Die Leitlinie nennt das Behandlung in zwei Abschnitten.
Ergebnis halten
Ein Retainer hält das Ergebnis fest. Die Kasse zahlt ihn bis zu zwei Jahre nach dem Ende der aktiven Behandlung.
Das Herbst-Scharnier wirkt rund um die Uhr
Das Herbst-Scharnier ist ein festes Gerät. Laut Universitätsklinikum Würzburg besteht es aus zwei Gelenken mit ausziehbaren Rohren, die Ober- und Unterkiefer auf beiden Seiten verbinden. Es hält den Unterkiefer vorn und lässt ihn nicht in die alte Lage zurück. Weil es 24 Stunden am Tag wirkt und nicht herausnehmbar ist, muss Ihr Kind dafür nichts tun. Würzburg nutzt es vor allem nach dem Wachstumsschub und nennt sechs bis neun Monate bis zur Korrektur.
Die Kasse zahlt das Herbst-Scharnier nur in einem Fall. Laut Leitfaden der Kassenzahnärzte für Gutachter muss die Behandlung spät beginnen, nach dem Wachstumsschub. Der Biss darf sich mit üblichen Mitteln nicht mehr korrigieren lassen. Und es muss die erste Behandlung sein. Die Gebührenliste der Kassen sagt dasselbe.
In allen anderen Fällen zahlen Sie das Herbst-Scharnier ganz selbst. Das gilt auch für das gegossene Herbst-Scharnier, den Jasper-Jumper und ähnliche Geräte gegen den Rückbiss. Der Rest der Kassenbehandlung bleibt davon unberührt.
Zahlt die Kasse die Zahnspange, also Grad D4 oder mehr und Beginn vor dem 18. Geburtstag?
Ist es die erste Behandlung, beginnt sie spät, und ist der Wachstumsschub vorbei?
Begründet der Plan, dass sich der Biss mit üblichen Mitteln nicht mehr korrigieren lässt?
Dann zahlt die Kasse das Herbst-Scharnier, dazu Material und Labor. Ein gegossenes Herbst-Scharnier zahlen Sie trotzdem selbst.
Dann zahlen Sie das Scharnier selbst. Die Praxis muss Sie vorher aufklären und die Kosten schriftlich aufschlüsseln. Den Rest zahlt die Kasse weiter.
Dann zahlen Sie das Scharnier selbst, denn vor dem Wachstumsschub oder bei einer zweiten Behandlung zahlt die Kasse es nicht. Fragen Sie nach der Behandlung ohne Zuzahlung.
Ohne Anspruch zahlen Sie die ganze Behandlung privat. Bei Erwachsenen mit starkem Rückbiss kommt auch eine Kiefer-Operation infrage. Die Kasse kann sie bei schweren Fehlstellungen zahlen.
Was Studien über die Wirkung zeigen
Die große Auswertung von 2018 gibt den besten Überblick. Ohne Behandlung als Vergleich verkleinerten herausnehmbare Geräte die Stufe bei Jugendlichen im Mittel um 4,62 Millimeter, feste um 5,46 Millimeter. Die Forscher stufen die Qualität dieser Belege als niedrig ein. Der Twin Block war bei der Stufe nicht besser oder schlechter als andere Geräte.
Die Leitlinie kommt zu einem ähnlich vorsichtigen Schluss. Sie empfiehlt den Zeitpunkt nur als Möglichkeit, weil sich die Vorteile nicht sicher auf alle Geräte und Fälle übertragen lassen. Für Sie heißt das: Kein Gerät garantiert ein bestimmtes Ergebnis. Welches Gerät zu Ihrem Kind passt, entscheidet der Befund, nicht der Markenname.
- Belegt ist: Herausnehmbare und feste Geräte verkleinern die Stufe im Vergleich zu keiner Behandlung. Die Belege sind aber schwach.
- Belegt ist: Eine frühe Behandlung senkt das Risiko, sich die Schneidezähne neu zu verletzen.
- Nicht belegt ist: Eine frühe Behandlung führt am Ende zu einer kleineren Stufe oder besseren Kieferlage als eine spätere.
- Nicht belegt ist: Ein bestimmtes herausnehmbares Gerät ist besser als ein anderes.
- Nach dem Wachstumsschub lässt sich der Rückbiss vor allem über die Stellung der Zähne ausgleichen. Bei Erwachsenen mit starker Fehlstellung hilft auch eine Operation.
Für Erwachsene gelten andere Regeln, weil der Kiefer nicht mehr wächst. Die Leitlinie nennt für sie zwei Wege: Zähne verschieben oder, bei starker Fehlstellung, den Kiefer operieren. Wann die Kasse eine Operation mit Zahnspange zahlt, erklärt der Ratgeber zur Kiefer-OP.
In 5 Schritten zur Entscheidung über das Gerät
Welches Gerät passt, entscheidet die Praxis nach Befund. Sie entscheiden aber mit, welche Extras Sie dazukaufen und wie Ihr Kind die Tragezeit schafft. Die Kasse zahlt ab Grad D4. Sie zahlen zunächst 20 Prozent selbst, beim zweiten Kind 10 Prozent, und bekommen das Geld nach dem erfolgreichen Abschluss zurück.
- Fragen Sie nach der gemessenen Stufe in Millimetern und dem Grad. Er entscheidet, ob die Kasse zahlt und ob eine frühe Behandlung infrage kommt.
- Lassen Sie sich erklären, ob die Praxis mit dem Wachstum arbeiten will und wie weit Ihr Kind vom Wachstumsschub entfernt ist. Davon hängt ab, ob ein herausnehmbares oder ein festes Gerät geplant wird.
- Klären Sie bei einem herausnehmbaren Gerät die Tragezeit als Stundenzahl. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, wann es das Gerät trägt.
- Prüfen Sie bei einem festen Gerät, ob es im Plan als Leistung der Kasse steht oder ob Sie es selbst zahlen sollen.
- Unterschreiben Sie eine Vereinbarung über Extras erst, wenn Ihnen die Behandlung ohne Zuzahlung erklärt wurde. Kassenanteil und Ihr Anteil müssen für jede Leistung auf dem Papier stehen.
Häufige Fragen
Wie lange muss ein Aktivator oder Bionator am Tag getragen werden?
Wie lange ein Aktivator oder Bionator am Tag getragen werden muss, legt die Praxis fest. Laut IQWiG ist das übliche Muster nachts und dazu mehrere Stunden am Tag. In einer finnischen Studie waren 12 oder 18 Stunden vorgegeben. Selbst wer die Behandlung abschloss, trug sein Gerät im Mittel nur 7 bis 9 Stunden.
In welchem Alter wirken Aktivator und Bionator am besten?
Aktivator und Bionator wirken laut Leitlinie am stärksten auf den Kieferknochen, wenn sie vor oder während des Wachstumsschubs in der Pubertät eingesetzt werden. Mädchen erreichen diesen Schub mit etwa 12, Jungen mit etwa 14 Jahren. Danach bewegen sich vor allem die Zähne, der Knochen trägt weniger bei.
Zahlt die Krankenkasse ein Herbst-Scharnier?
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt ein Herbst-Scharnier nur, wenn die erste Behandlung spät beginnt, der Wachstumsschub vorbei ist und sich der Biss mit üblichen Mitteln nicht mehr korrigieren lässt. In allen anderen Fällen und beim gegossenen Herbst-Scharnier zahlen Sie es selbst. Die übrige Behandlung zahlt die Kasse weiter.
Ab wie vielen Millimetern Rückbiss zahlt die Krankenkasse die Zahnspange?
Beim Rückbiss zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Zahnspange ab einer Stufe von mehr als 6 Millimetern, das ist Grad D4. Die Behandlung muss außerdem vor dem 18. Geburtstag beginnen. Eine frühe Behandlung vor dem Wechsel der Eckzähne zahlt die Kasse nur ab Grad D5, also über 9 Millimeter.
Lohnt sich eine frühe Behandlung des Rückbisses?
Eine frühe Behandlung des Rückbisses hat laut einer großen Auswertung von 2018 einen belegten Vorteil. Nach früher Behandlung verletzten sich 19 statt 30 Prozent der Kinder neu die Schneidezähne. Stufe und Kieferlage am Ende unterschieden sich aber nicht. Die Leitlinie empfiehlt sie deshalb nur als Möglichkeit für starke Fälle.
